Über die Nähe in Corona-Zeiten

Eine Verneigung mit der Hand auf dem Herz und Abstand anstatt einer Umarmung mit Geruch und dem Spüren der Haut. Begegnungen mit fremden Menschen lassen den Gedanken entstehen, dass jede*r potentiell ein Viren-Überträger mehr ist, uns nicht vertraut und vielleicht macht uns ja genau diese Begegenung krank.. Es ist ein großer Anpassungsprozess, den wir da gerade leisten, eine permanente Aufmerksamkeit in Sachen Abstand, Hygiene und Umgang.
Inzwischen lächeln die Menschen wieder, mit den Augen, hinter den Masken, oft wird im zwischenmenschlichen Kontakt die Kommunikation besonders freundlich. Das nehme ich wahr und erlebe ich als unterstützend und versuche selbst, diese Unterstützung weiter zu geben.

Denn es gibt zur gleichen Zeit auch ein anderes Phänomen, das nicht nur die Medien, sondern auch unseren Alltag immer häufiger begleitet: die Menschen, denen es unglaublich schwer fällt auf bestimmte Dinge zu verzichten – für eine zeitlang, und deren Ende noch nicht definiert ist. Es gibt Menschen, die ein Stück Stoff vor ihrem Mund als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit erleben und die sich die lange Kette des eigenen Verhaltens auf die Gemeinschaft nicht bewußt machen können oder wollen. Bestimmt werden wir am langen Ende der Pandemie über manches den Kopf schütteln, was wir nach jetztigem Wissensstand an Regeln einhalten – wenn es gut läuft werden wir darüber schmunzeln- und bestimmt freuen sich alle, wenn dieses teilweise gespenstische aneinander-Vorbei-Gehen/Schauen/Atmen vergeht. Was mich dabei beschäftigt ist, wie schwer eine gewisse Selbst-Disziplin für manche Menschen zu sein scheint. Jetzt geht reisen gerade nicht, oder ein schönes, großes Fest oder häufiges Ausgehen oder… auch ich freue mich unsagbar auf Kunst, Kultur, gemeinsame Schönheiten erleben, zusammen in der Sauna schwitzen und jede Begegnung als Bereicherung anzusehen.

In der Philosophie des Yoga-Sutra gibt es den Begriff von „Tapas“ (nein, keine kleinen spanischen Leckereien). Es meint eine geduldig erlernte Disziplin – jeden Tag eine kleine Prise, mit Liebe und Hingabe, über eine lange Zeit – sei es die eigene Übungspraxis, die tägliche Meditation, der kleine Spaziergang, das Danken vor dem Essen. Mich zurückhalten, wenn jmd. anderer gerade den Raum und die Unterstützung braucht und mich darin üben, was von meinen Bedürfnissen wirklich wichtig für mich ist, und was Gewohnheiten sind, auch liebgewonnene !, auf die ich für eine Weile auch verzichten kann. Nichts von diesen Dingen bleibt ewig, weder das Ausleben dieser Gewohnheiten, noch der Verzicht darauf. Denn all das unterliegt dem Prozess des Entstehens, Bleibens und Vergehens. Warum vermittelt uns die Yoga-Philosophie diese Selbst-Disziplin als Hilfsmittel gegen Stress und Leiden? Schon beim Wort Disziplin hat es mich anfangs gegruselt – davon wollte ich doch weg – in die Freiheit !!

Was ich erlebt habe über viele Jahre war, dass es mir den Alltag sehr erleichtert hat: es ging leichter auf Schlaf zu verzichten, wenn kranke Kinder mich brauchten oder einfach viel Arbeit getan werden sollte. Es ging leichter, mich beim Essen etwas zurückzunehmen, wenn unerwartet mehr Menschen am Tisch saßen und sich ein schönes gemeinsames Zusammensein ergab. Es geht auch jetzt leichter, diese nicht wahnsinnig angenehme Maske aufzusetzen und auf Reisen oder dichtes Beisammensein zu verzichten. Ich kann überhaupt erst wählen, ob ich etwas will oder auch verzichten kann. Ich erlebe die Früchte von Tapas als innere Freiheit – so schnell bedrängt es mich nicht, etwas nicht zu haben, einer Gewohnheit folgen zu müssen. Genau in dieser inneren Freiheit, unabhängig von äußeren Gegebenheiten, auf die wir häufig sowieso keinen Einfluß haben, liegt für mich der Wert einer jahrelangen Praxis von Selbst-Disziplin (und damit ist nicht rigide Unterdrückung eigener Bedürfnisse gemeint).

Es gibt eine Ausnahme: der morgendliche Kaffee als Ritual des Beginnens. Während ich das schreibe steht er vor mir und die Sonne geht gerade auf.

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